In feinsäuberlicher Handschrift notierten bayerische Förster 1845, welche Tiere sie auf den Streifzügen durch ihre Reviere beobachteten: Wölfe, Braunbären, Fischotter oder Luchse. Die Aufzeichnungen entstanden im Rahmen einer bayernweiten Erhebung, die die Regierung in Auftrag gegeben hatte. Fast 5500 kartierte Beobachtungen kamen so zusammen – und gelangten später in das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München.
Heute sind diese Daten eine wertvolle Vergleichsgröße – denn wer Artenvielfalt bewahren oder wiederherstellen möchte, muss verstehen, wie Ökosysteme aussahen, bevor Industrialisierung und Landschaftswandel ihre Spuren hinterließen. Das Problem: Die Aufzeichnungen waren bisher ausschließlich analog verfügbar – und damit für Forschung und Naturschutz nahezu unsichtbar.
Ein interdisziplinäres Team aus den Staatlichen Archiven Bayerns, der Universität Passau und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) änderte das: Gemeinsam digitalisierte es die handschriftlichen Einträge, georeferenzierte sie, strukturierte sie nach internationalen Datenstandards und glich die historischen Artnamen mit moderner Taxonomie ab. Anschließend veröffentlichte es den Datensatz über GBIF, die weltweit meistgenutzte Plattform für Biodiversitätsdaten – und schuf damit zugleich einen Anwendungsfall mit Modellcharakter, der als Vorlage für weitere Mobilisierungen historischer Biodiversitätsdaten dienen kann.
In GBIF stößt der Datensatz auf großes Interesse: Mehr als 6500 Mal wurde er seit November 2024 heruntergeladen. Darüber hinaus wurde er in sieben wissenschaftlichen Publikationen aufgegriffen, darunter einer peer-reviewten Studie in Nature Scientific Data, einer Masterarbeit, die historische und heutige Artenverbreitungen vergleicht, sowie einer Studie, die mithilfe digitaler Methoden und Archivquellen Biodiversitätsmuster im Bayern des 19. Jahrhunderts rekonstruiert.
Die bayerischen Archivdaten stehen dabei exemplarisch für Tausende Mobilisierungen, die NFDI4Biodiversity bisher realisiert hat. Mehr als 1700 Biodiversitätsdatensätze konnten seit 2020 kuratiert und als FAIR-Daten veröffentlicht werden; hinzu kommen 80 dynamische Datensätze aus naturkundlichen Sammlungen mit über 1,65 Millionen Fundnachweisen, die heute über Portale wie GBIF frei verfügbar sind – und damit als Grundlage für neue Erkenntnisse dienen können.
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